Ladungssicherung: Richtiger Einsatz von Zurrgurten

Zur Sicherung einer Ladung unterscheidet man das form- und das kraftschlüssige Verfahren, die miteinander auch kombiniert werden können.

Formschlüssiges Beladen bedeutet, dass die Ladung lückenlos verstaut wird. Zur kraftschlüssigen Ladungssicherung zählt das Niederzurrverfahren, bei dem die Fracht durch die Vorspannkräfte der Zurrmittel auf die Ladefläche gepresst wird.

Zurrgurtetikett nach DIN EN 12195 Teil 2
Foto: SpanSet GmbH

Damit die Ladung durch Niederzurren wirksam und effektiv gesichert ist, gibt es einiges zu beachten.

Arten von Zurrgurten

Zurrgurte gibt es in zahlreichen Ausführungen und Belastungsklassen. Übliche Gurtbänder werden in Breiten von 25, 35, 50 und 75 mm gefertigt und bestehen meist aus Polyester (PES), einem reißfesten Kunstfasergewebe. Die Ratschenkonstruktion beeinflusst maßgeblich die erreichbare Vorspannkraft im Zurrgurt. So erzeugt die Kurzhebeldruckratsche Vorspannkräfte von etwa 200 bis 350 Dekanewton (daN), entspricht etwa 200 bis 350 kg. Die Langhebelzugratsche arbeitet nach dem Prinzip: Anziehen, statt von sich wegdrücken. Der verlängerte Ratschenhebel erzeugt mehr Kraft im Gurtsystem und ermöglicht dadurch eine leichtere Handhabung. Erreicht werden Vorspannkräfte bis zu 500 daN, bei Spezial- Ratschen sogar bis zu 1.000 daN. Bei Zurrgurten mit ABS-Ratschen wird die Gurtspannung durch Hin- und Herbewegen des Funktionshebels nicht schlagartig, sondern schrittweise gelöst. Dies trägt zur Erhöhung der Sicherheit bei, wenn zum Beispiel beim Entladen die Fracht ins Kippen gerät. Mit der ABS-Ratsche kann die Ladung abgefangen und vom Herunterfallen zurückgehalten werden.

Kennzeichnung

Zurrgurte sind mit einem Etikett versehen, auf dem nach Norm DIN EN 12195 Teil 2 wesentliche Angaben aufgeführt sein müssen:

  • Normale Handkraft SHF (Standard Hand Force): Kraft, die zum Betätigen der Ratsche aufzuwenden ist. Bei einer Gurtbreite von 25 mm sind dies 25 daN, bei allen größeren Gurtbreiten 50 daN, entspricht etwa 50 kg.
  • Normale Spannkraft STF (Standard Tension Force): Verbleibende Kraft im Gurtsystem, nachdem die Ratsche losgelassen wurde.
  • Zurrkraft LC: Höchstkraft im geraden Zug, für die der Zurrgurt ausgelegt ist.
  • Dehnung: Ein Zurrgurt aus Chemiefasern darf sich bei Belastung bis zur Zurrkraft LC nur um maximal 7 % dehnen. Für einen 3 m langen Gurt kann sich somit eine Längenänderung von bis zu 210 mm ergeben.
  • Werkstoff des Gurtbandes: An der Farbe des Zurrgurtetiketts ist der Werkstoff des Gurtbandes erkennbar. Das Gurtband wird überwiegend aus Polyester (PES = blaues Etikett) gefertigt. Die Farbe des Gurtmaterials kann vom Hersteller frei gewählt werden.
  • Hersteller und Rückverfolgbarkeitscode: Angabe des Herstellers und Kennzeichnung (Strichcode) zur Rückverfolgung der Produktion.
  • Weiterhin sind u.a. folgende Angaben auf dem Etikett erforderlich:
    Angabe der Norm DIN EN 12195 Teil 2, Herstelldatum: Monat/Jahr, Zurrgurtlänge in Meter, Warnhinweis: „Nicht heben, nur zurren!“

Prüfzeichen

Ein GS-Zeichen „Geprüfte Sicherheit“ darf nur dann auf dem Etikett angebracht werden, wenn eine Prüfstelle, wie TÜV oder DEKRA die Übereinstimmung des Zurrgurts mit der Norm bestätigt hat. Leider werden auch Zurrgurte mit gefälschten GS-Zeichen angeboten. Diese Plagiate sind meist durch die fehlende Prüfnummer des GS-Zeichens zu erkennen. Auch ein rechtswidrig angebrachtes CE-Zeichen kann ein Indiz für ein vermeintliches „Schnäppchen“ sein. Zurrgurte unterliegen nicht der Maschinenrichtlinie, weshalb kein CE-Zeichen aufgebracht werden darf.

Einhaken und Gurt anlegen

Beim Einhaken in den Zurrpunkt ist zu beachten, dass der Zurrhaken im Hakengrund belastet wird. Gemäß Richtlinie VDI 2700 darf in Ausnahmefällen mit geeigneten Verbindungselementen, z. B. Klauenhaken, auch am Fahrzeugrahmen angeschlagen werden.

Einhaken im Fahrzeugrahmen ist nur im Ausnahmefall zulässig.

In diesem Fall wird der Gurt meist von außen an der Bordwand hoch und dann über die Ladung gezogen, dabei ist die Ladung direkt an der Bordwand zu positionieren (linke Grafik). Steht die Ladung mit Abstand zur Bordwand (rechte Grafik), dann knickt der Gurt an der Bordwand zur Ladung hin ab und das Niederzurren ist unwirksam. Das gespannte Gurtband wird durch die nachgebende Bordwand gewissermaßen „abgefedert“ und der Gurt verliert an Spannung.

Vor scharfen Kanten schützen

Zurrgurte dürfen nicht über scharfkantige Ladung gespannt werden, da das Gurtband beschädigt werden kann. Daher sind Kantenschutzwinkel einzusetzen, die zugleich die Ladung vor Beschädigung schützen. Neben der Schutzwirkung bewirken sie auch eine gleichmäßigere Verteilung der Vorspannkraft im Gurtband, da der Gurt leichter über die Kanten rutscht. Insgesamt wird dadurch eine höhere und gleichmäßigere Kraftverteilung innerhalb des Gurtsystems erzielt. Anstelle von Kantenschutzwinkeln können auch Schutzschläuche verwendet werden, in denen das Gurtband über die Ladungskante gleitet.

Bestmöglichen Zurrwinkel wählen

Die Vorspannkraft im Zurrgurt bewirkt eine Anpresskraft, die das Ladegut auf die Ladefläche presst. Die Größe dieser Kraft wird maßgeblich durch den Zurrwinkel α (sprich „alpha“) beeinflusst.

Bei einem steilen Winkel α von
annähernd 90° wirken etwa
100 % der Vorspannkraft als
Anpresskraft (Grafik links).

Die gesamte Vorspannkraft des
Zurrgurts wird genutzt, um die
Reibung in der Kontaktfläche
zu erhöhen.

Bei einem relativ flachen
Winkel von 30° wirken
nur noch 50 % der Vorspannkraft.

Der Zurrwinkel α sollte daher möglichst groß gewählt werden, ein Winkel
unter 30° ist zu vermeiden.

Ratsche richtig benutzen

Beim Betätigen der Ratsche müssen mindestens 1,5 und dürfen höchstens 3 Lagen auf der Schlitzwelle aufgewickelt werden.

Bei zu wenigen Wicklungen besteht die Gefahr, dass der Gurt nicht ausreichend festgeklemmt wird und sich während der Fahrt lösen kann. Bei zu vielen Wicklungen kann der Sperrschieber nicht sicher einrasten oder beim Lösen nicht mehr geöffnet werden. Zuweilen ist zu sehen, dass Ratschen mit zusätzlichen Verlängerungen, wie Stangen oder Hebel betätigt werden, um höhere Vorspannkräfte im Gurtsystem zu erreichen. Aber Vorsicht, das ist verboten! Durch den Einsatz solcher Hebel wirken unkontrolliert große Kräfte auf die Bauteile der Ratsche – es besteht Bruchgefahr. Tritt dieser Schadensfall ein, wird die Gurtspannung schlagartig freigegeben, was zu Verletzungen beim Anwender führen kann.

Zurrpunkte nicht überlasten

Die Belastbarkeit von Zurrpunkten ist begrenzt, daher sind die Zurrgurte auf die Zurrpunkte abzustimmen.

Die Grafik zeigt hierfür ein Beispiel: Ein Zurrgurt wird in einen Zurrpunkt mit einer Belastbarkeit von 400 daN (laut Kennzeichnung) eingehakt. Durch Betätigen der Ratsche wird im Gurt eine Spannkraft STF von 300 daN (laut Zurrgurtetikett) aufgebaut.

Dieser Zurrpunkt wird demnach unterhalb seiner Belastungsgrenze beansprucht.

Ein Zurrgurt mit STF von 500 daN wäre überdimensioniert und könnte den Zurrpunkt beschädigen.

Ermittlung der Vorspannkräfte

Es gibt verschiedene Vorspannkraftmessgeräte, welche die tatsächliche Vorspannkraft beim Niederzurren im Zurrgurt feststellen. Angeboten werden Messgeräte, die auf den gespannten Zurrgurt geschoben werden und dann die gemessene Vorspannkraft entweder digital oder mechanisch anzeigen. Außerdem gibt es rein mechanische Vorspannanzeigen, die in die Ratsche des Zurrgurts eingebaut sind. Beim Spannen des Zurrgurts schließen sich die geöffneten Backen der Vorspannanzeige.

Sind sie zusammengepresst, ist die maximale Vorspannkraft erreicht. Solche Vorspannanzeigen stehen in verschiedenen Ausführungen zur Verfügung, die auf die jeweiligen Zurrgurte abgestimmt sind: Grün für Zurrsysteme 500 daN, Rot für 750 daN und Gelb für 1.000 daN.

Die gelbe Vorspannanzeige ist geschlossen, die volle Vorspannkraft von 1.000 daN ist erreicht.
Foto: SpanSet GmbH

Ablegereife von Zurrgurten

Ablegereife Zurrgurte stellen für alle Beteiligten eine große Gefahr dar. Beispielsweise kann ein eingeschnittener Gurt bei Belastung reißen und den Anwender oder andere gefährden. Nachfolgendes Diagramm zeigt die Ergebnisse einer Zugprüfung verschiedener Gurtbänder bis zur Bruchkraft, also der Kraft, bei der es zerreißt. Die negativen Auswirkungen eines beschädigten Gurtbands auf die Leistungsfähigkeit eines Zurrgurts werden deutlich.

Bruchkraft-Diagramm für verschiedene Zustände von Gurtbändern.

Die Richtlinie VDI 2700 Blatt 3.1 und die Norm DIN EN 12195 Teil 2 enthalten folgende Kriterien für die Ablegereife von Zurrgurten:

  • Einschnitte größer als 10 % an der Webkante
  • Übermäßiger Verschleiß
  • Beschädigungen der Nähte
  • Verformungen durch Wärme
  • Unleserliches oder fehlendes Kennzeichnungsetikett
  • Brüche oder grobe Verformungen an Ratsche oder Verbindungselementen
  • Mehr als 5 % Aufweitung im Hakenmaul, bleibende Verformung oder erhebliche Korrosion

Wird auch nur ein Kriterium zur Ablegereife festgestellt, dann ist der Zurrgurt unverzüglich von der Benutzung auszuschließen.

Prüfung und Reparatur

Zurrgurte sind, wie alle Hilfsmittel zur Ladungssicherung, vor jedem Einsatz durch den Anwender einer Sichtprüfung auf augenfällige Mängel zu unterziehen.

Zusätzlich sind sie regelmäßig durch eine zur Prüfung befähigte Person, das kann auch ein eigener Mitarbeiter sein, zu prüfen. Diese Person muss über ausreichende Erfahrungen und Kenntnisse verfügen, um den einsatztauglichen Zustand der Zurrmittel beurteilen zu können. Fristen für die wiederkehrenden Prüfungen von höchstens einem Jahr haben sich bewährt. Der Unternehmer hat sicherzustellen, dass die Prüfungen organisiert, durchgeführt und dokumentiert werden, beispielsweise in einer Prüfkartei oder einer Excel-Tabelle. Etwaige Reparaturen dürfen nur durch den Hersteller oder durch von ihm beauftragte Personen vorgenommen werden.

Regeln für die Handhabung von Zurrgurten

  • Zurrgurte dürfen nur durch unterwiesene Personen verwendet werden.
  • Es ist verboten, Zurrgurte zum Heben von Lasten einzusetzen.
  • Verwenden Sie Kantenschutzwinkel oder Kantenschutzschläuche.
  • Achten Sie bei der Auswahl der Zurrgurte auf die Belastbarkeit der Zurrpunkte: Zu große Vorspannkräfte können Zurrpunkte beschädigen.
  • Niemals zum Spannen der Ratsche zusätzliche Verlängerungen einsetzen – dafür ist das Gurtsystem nicht ausgelegt.
  • Wählen Sie beim Niederzurren einen möglichst steilen Zurrwinkel α; daraus resultiert eine hohe Anpresskraft in Richtung Ladefläche.
  • Zurrgurte sind vor jedem Einsatz einer Sichtprüfung zu unterziehen und zusätzlich regelmäßig durch eine zur Prüfung befähigte Person zu prüfen. Verwenden Sie nur Zurrgurte in technisch einwandfreiem Zustand – ablegereife Gurte dürfen nicht weiterverwendet werden.

Dieter Bachmann

Anmerkungen zur Richtlinie VDI 2700 Blatt 3.1 „Gebrauchsanleitung für Zurrmittel“

Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) hat in seinen VDI-Richtlinien 2700 ff. Regeln zur Ladungssicherung aufgestellt.

Derzeit gilt die Richtlinie VDI 2700 Blatt 3.1 „Gebrauchsanleitung für Zurrmittel“ mit Stand 10-2006.

Laut Gründruck mit dem Stand Juni 2018 sind u.a. folgende Neuerungen zu erwarten:

  • Das sachgerechte Kürzen des Zurrgurts am freien Ende ist zulässig.
  • Beim Direktzurren sollte das Zurrmittel höchstens mit normaler Handkraft gespannt werden.
  • Das geringfügige Verdrehen eines Zurrgurts in der freien Einspannlänge, z.B. um ein Flattern des Bandes während der Fahrt zu reduzieren, ist tolerierbar.
  • Zurrmittel müssen bei Nichtgebrauch betriebs- und beförderungssicher verwahrt werden.

Hinweis, bitte beachten: Die im Gründruck genannten Neuerungen gelten erst dann, wenn die Richtlinie VDI 2700 Blatt 3.1 in der neuen Version veröffentlicht ist.

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